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Route des Tamarins
Steilküste und Hochplateau: Die sechsspurige Straße überwindet unzählige enge Täler und Felsspalten.
Ausbau der Route des Tamarins
Route des Tamarins in La Réunion

Verkehrsinsel im indischen Ozean

La Réunion – Urlaubsparadies östlich von Madagaskar. Den drohenden Verkehrsinfarkt soll die spektakuläre Route des Tamarins verhindern.

(Text: Adele Schonhardt, Fotos: Fritz Stark)

Kaum angekommen und schon im Stau: Für viele Touristen beginnt der Traumurlaub auf der tropischen Vulkaninsel La Réunion wie ein stressiger Arbeitstag. Lange bevor sie ihre Sonnencreme am Strand von Boucan Canot auspacken, müssen sie sich durch das Verkehrschaos an der Westküste kämpfen.

Stop-and-go mit gravierenden wirtschaftlichen Folgen: La Réunion, französisches Überseedepartment und südlichster Fleck der Europäischen Union, lebt vom Tourismus. Als Paradies für Wanderer, Surfer und Abenteuerlustige lockt die Hochgebirgsinsel jährlich über 400.000 Urlauber an – davon mehr als drei Viertel aus der ‚Metropole‘, wie die Einwohner das Mutterland Frankreich nennen. Die Feriengäste haben es im Straßenverkehr nicht leicht: Auf knapp 777.000 Einheimische kommen über 300.000 Autos. Stoßstange an Stoßstange würden die Fahrzeuge eine Schlange von 112 Kilometern bilden und damit die halbe Insel umrunden. Fast 40 Prozent der Bewohner leben an der Westküste und sind auf die völlig überlastete Nationalstraße Nummer eins angewiesen. Auch die wichtigen Rumund Rohzuckerindustrien leiden unter den schlechten Verkehrsbedingungen. Und die Situation verschärft sich: Bis 2015 soll die Einwohnerzahl um zwanzig Prozent steigen und die Millionengrenze überschreiten. Mit dem vorhandenen Straßennetz würde das den Verkehrsinfarkt bedeuten.

Nach einer Dreiviertelstunde im Stau passieren die Touristen den Wochenmarkt von Saint- Paul,wo Händler mit kreolischen Gemüseküchen und scharfen ‚Carri‘-Gerichten um die Besucher werben. Auf der anderen Seite der Straße ragen mehrere Baukräne aus den steilen Bergen. Vorboten für die Route des Tamarins – eine 34 Kilometer lange Schnellstraße, die ab Anfang 2009 die Küstenstraße entlasten soll. Seit 2003 arbeiten einheimische und internationale Bauspezialisten an der sechsspurigen Fahrbahn zwischen Saint-Paul und L'Étang-Salé.

Kleine Insel, lange Wege

Die Baukosten von geschätzt 970 Millionen Euro tragen hauptsächlich Frankreich und die Region La Réunion, den Rest steuert die Europäische Union bei. Das Bauprojekt wurde in Teilabschnitten vergeben. Bilfinger Berger Ingenieurbau mit seiner französischen Beteiligung Razel übernahm komplexe Erd- und Ingenieurarbeiten der ersten beiden Bauabschnitte.

Die Route des Tamarins erklimmt die Höhen der Westküste und eröffnet dabei immer wieder magische Ausblicke auf den Indischen Ozean. Für die Ingenieure hält die exponierte Strecke Herausforderungen ganz besonderer Art bereit: mehr als 120 tiefe Schluchten und Felsspalten, gefährliche Wirbelstürme und sintflutartige Regenfälle. In zwei Tagen kann es so viel regnen wie in zwei Jahren in Deutschland und die tropischen Zyklonen erreichen Windgeschwindigkeiten von bis zu 240 Stundenkilometern. Nicht umsonst wurde die Route des Tamarins nach der einheimischen Tamarinde getauft: Der Baum steht symbolisch für La Réunion,weil er allen Naturgewalten trotzt.

„Die alten Brücken der Nationalstraße waren nicht tief gegründet“, staunt Peter Dillmann, Bauleiter bei Bilfinger Berger. Eine Technik mit verheerenden Folgen: Im März 2007 kollabierte eine Brücke der Küstenstraße. „Ein Pfeiler wurde vom starken Regen weggespült und die anderen kippten wie Dominosteine um“, erklärt der Spezialtiefbau-Fachmann. Zum Glück wurde niemand verletzt, da bei solchen Stürmen Ausgangssperre auf der Insel herrscht. Die sechs bis zu 45 Meter hohen Stützpfeiler des neuen Viadukts sind nun bis zu 33 Meter tief im Boden verankert.

Auf diesen festen Säulen baut Razel eine s-förmige Trasse. Sie meistert den Anstieg von der Küste auf die Hochebene. Dort wird der Verkehr bald durch zwei parallele Tunnel fließen. Die einzigartige Savannenlandschaft bleibt so erhalten. Im Berg stießen die Bauarbeiter auf die härtesten Bodenschichten der ganzen Insel und mussten auf spezielle ‚Terminator‘-Steinbrecher aus Frankreich zurückgreifen, um mehrere Tausend Kubikmeter Gestein und Erde aus den Tunnelröhren zu graben. „Jahrtausende vulkanischer Aktivität haben die pulverartigen Erdschichten mit gewaltigen Basaltbrocken vermischt“, sagt Éric Mercier, Bauleiter bei Razel. „Die Blöcke waren oft so groß und hart, dass wir sie vor dem Abtransport mit Hydraulikhämmern weiter zerkleinern mussten.“

Brücken trotzen tropischen Zyklonen

Kurz vor der künftigen Ausfahrt zum Ferienort Saint-Leu ragt die höchste Brücke der Strecke in den südlichen Himmel. In 50 Meter Höhe überspannt der Viadukt Trois- Bassins eine 375 Meter breite Schlucht. Die externe Vorspannung der Brückenfelder hat zahlreiche Vorteile gegenüber herkömmlichen Spannbetonbrücken, deren Spannglieder in den Beton eingebunden sind. Das Tragsystem ist leichter zu kontrollieren und günstiger im Unterhalt, da die Spannglieder außerhalb des Betonquerschnitts geführt werden. Bei Bedarf sind sie einfach auszuwechseln.

Mit dem Terminator durch vulkanisches Gestein

Vom Know-how der europäischen Experten profitieren auch die lokalen Baubetriebe: „Unser Team besteht zu 90 Prozent aus einheimischen Fachkräften, die wir intensiv geschult haben“, erklärt Éric Mercier. Insgesamt sorgte der Bau für 3000 Arbeitsplätze und 700 Ausbildungsstellen. Im Kampf gegen eine Arbeitslosenquote von fast 30 Prozent setzt die französische Regierung große Hoffnung auf die neue Schnellstraße. „Die Route des Tamarins kurbelt die lokale Wirtschaft an“, freut sich Philippe Berne, Vize-Präsident von La Réunion. „Sie eröffnet hervorragende Perspektiven für die künftige Entwicklung der Region.“